Die wichtigste Frage stellte ich erst ganz zum Schluss

 

Was soll einmal in Deiner Traueranzeige stehen?

Ich glaube, diese Geschichte betrifft nicht nur eine meiner Patientinnen.

Vielleicht betrifft sie Millionen von Menschen.

Als dieser Tage eine Patientin bei mir in der Praxis saß, wollte sie eigentlich nur ihre Lebensziele neu formulieren. Sie war fest entschlossen, ihrem Leben noch einmal eine neue Richtung zu geben.

Doch während unseres Gesprächs passierte etwas ganz anderes.

Mitten im Satz hielt sie inne, schaute aus dem Fenster und sagte leise:

„Ich habe keine Kraft mehr.“

Es war kein dramatischer Satz.

Es war vielmehr die Erkenntnis eines Menschen, der viele Jahrzehnte lang getan hat, was von ihm erwartet wurde.

Sie erzählte mir von ihrem Leben.

Von einem Leben, um das viele sie vermutlich beneiden würden.

Sie war schon als junge Frau erfolgreich in ihrem Beruf. Sie gründete mit ihrem Mann eine Familie. Vier wunderbare Kinder. Ein schönes Eigenheim mit großem Garten. Ein sicheres Einkommen. Heute sind alle Kinder erwachsen, erfolgreich und haben selbst liebevolle Familien gegründet.

Von außen betrachtet könnte man sagen:

„Sie hat alles richtig gemacht.“

Und doch erzählte sie mir etwas ganz anderes.

Als ihre Kinder klein waren, plagte sie ständig das schlechte Gewissen.

Blieb sie zu Hause, fehlte das Geld.

Ging sie arbeiten, fehlte ihr die Zeit für ihre Kinder.

Sie wollte beiden Welten gerecht werden.

Eine gute Mutter sein. Eine verlässliche Ehefrau. Eine engagierte Mitarbeiterin. Eine Kollegin, auf die man sich verlassen konnte. Eine Tochter. Eine Freundin.

Mit jedem Jahr wurden die Anforderungen größer.

Im Beruf wurde mehr Einsatz erwartet.

Zu Hause warteten Haushalt, Garten, Termine, Einkäufe, Wäsche, Elternabende, Geburtstage, Angehörige und unzählige kleine Aufgaben, die niemand wahrnimmt – solange sie erledigt werden.

Und wie bei so vielen Menschen passierte etwas ganz Unauffälliges:

Sie verschob ihre eigenen Wünsche.

Nicht für einen Monat.

Nicht für ein Jahr.

Sondern für Jahrzehnte.

Heute ist sie 68 Jahre alt.

Eigentlich beginnt jetzt der Lebensabschnitt, auf den sie sich immer gefreut hatte.

Die Kinder stehen mitten im Leben.

Die Enkelkinder bringen Freude.

Der Beruf läuft noch immer gut.

Jetzt müsste doch endlich Zeit sein für all die Dinge, die früher keinen Platz hatten.

Doch stattdessen sagte sie einen Satz, der mich tief berührt hat:

„Ich weiß gar nicht mehr, wer ich eigentlich bin.“

Selbst ihre Hobbys fühlen sich inzwischen wie Verpflichtungen an.

Einfach einmal auf der Terrasse sitzen.

Den Vögeln zuhören.

Ein Buch lesen.

Gar nichts tun.

Das kann sie nicht.

Denn sofort meldet sich eine innere Stimme:

„Du bist faul.“

„Du müsstest noch etwas erledigen.“

„Du bist nicht genug.“

Wie tragisch ist das eigentlich?

Ein Mensch arbeitet Jahrzehnte darauf hin, irgendwann sein Leben genießen zu können.

Und genau in diesem Moment hat er vergessen, wie das überhaupt geht.

Ich hörte ihr lange zu.

Dann stellte ich ihr nur eine einzige Frage:

„Wenn eines Tages Ihre Traueranzeige erscheinen würde – was würden Sie sich wünschen, dass dort über Ihr Leben steht?“

Plötzlich wurde es still.

Sehr still.

Nach einer Weile sagte sie:

“Ich wünsche mir, dass dort nicht nur steht, was ich alles geleistet habe.”

“Ich wünsche mir, dass dort steht, dass ich mein Leben irgendwann auch selbst gelebt habe.”

Vielleicht könnte ihr Nachruf einmal so lauten:

Sie hat ihr Leben lang für andere gesorgt.
Sie war da, wenn sie gebraucht wurde.
Sie schenkte Liebe, Kraft und Halt.
Und am Ende fand sie den Mut, auch sich selbst wichtig zu nehmen.
Sie hat nicht nur gelebt – sie hat ihr Leben schließlich auch genossen.

Warum mich dieses Gespräch diesmal so besonders berührt hat?

Vielleicht, weil ich viele dieser Gedanken selbst kenne.

Vielleicht, weil ich in meiner Praxis immer häufiger Menschen begegne, die äußerlich erfolgreich sind und dennoch das Gefühl haben, sich selbst irgendwo auf ihrem Lebensweg verloren zu haben.

Und vielleicht auch deshalb, weil ich glaube, dass wir uns viel zu selten eine einzige Frage stellen:

Wofür möchte ich eines Tages in Erinnerung bleiben?

Nicht, welche Position wir hatten.

Nicht, wie groß unser Haus war.

Nicht, wie perfekt wir funktioniert haben.

Sondern:

Haben wir geliebt?

Haben wir gelacht?

Haben wir Menschen berührt?

Haben wir uns selbst erlaubt, wirklich zu leben?

Deshalb möchte ich diese Frage heute an Dich weitergeben:

Was würdest Du Dir wünschen, dass eines Tages in Deinem Nachruf steht?

Vielleicht hast Du den Mut, ihn einmal aufzuschreiben.

Nicht für später.

Sondern für heute.

Denn vielleicht beginnt genau in diesem Moment das Leben, an das Du Dich eines Tages gerne erinnern möchtest.

Herzliche Grüße

Sabine Jechow

https://www.iam-naturheilpraxis.de


Kommentare